Hier ein Ausschnitt aus einem der 16 Berichte aus dem Buch: Auswandern nach Spanien - Nordländer berichten über Leben, Arbeit, Familie & Schule im Süden Vera, 43 Jahre, Deutsche Vera kam im Dezember 1998 als allein erziehende Mutter mit ihren vier Kindern nach Spanien. Die schwere Rheumaerkrankung ihres fünfjährigen Sohnes hatte sie zudiesem Entschluss bewogen. Bessere klimatische Bedingungen sollten verhindern, dass der Junge wieder einen katastrophalen Winter mit immer wiederkehrenden Notbehandlungen im Krankenhaus erleben musste. Unzählige Therapieversuche sowohl mit herkömmlichen als auch mit alternativen Heilmethoden zeigten kaum Wirkung. Einige Ärzte waren schon soweit gegangen der Mutter zu raten, ihren Sohn zum Sterben mit nach Hause zu nehmen. Man sagte ihr, der Junge werde wohl nur noch ein halbes Jahr leben. Und tatsächlich: der Umzug nach Spanien, viel Sonne und geringere Temperaturschwankungen, verbesserten seinen Zustand erheblich. Der aus Deutschland mitgebrachte Rollstuhl stand schon ein paar Monate später unbenutzt in der Ecke. Der Junge ging wieder regulär zur Schule und konnte nach langer Zeit endlich wieder ein normales Leben führen. Über drei Jahre hinweg konnte die medikamentöse Behandlung sukzessive reduziert werden. Die Krankheit war zwar nicht völlig besiegt, verlief aber auf einem erträglichen Niveau. Dann plötzlichverschlechterte sich der Zustand des Jungen innerhalb von weniger Wochen enorm. Die Krankheit gewann wieder die Oberhand. Eines Morgens ist er auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben. Nachdem sich die junge Mutter wieder einigermaßen gefasst hatte, stand die Frage im Raum, ob die Familie weiterhin in Spanien bleiben, oder nach Deutschland zurückkehren sollte. Sie schickte die Kinder probehalber für drei Monate zu ihrem Vater nach Deutschland, damit sie sich in ihrem Herkunftsland für oder gegen ein Leben im Süden entscheiden konnten. Das Fazit der Kinder nach dieser Zeit war eindeutig: Das entspannte Leben in Spanien gefiel ihnen wesentlich besser. In Spanien fühlten sie sich freier, und sie könnten sich besser entfalten. Vera erklärt, Spanien kenne den deutschen Stress nicht, vor allem in ihrem Dorf gehe es ruhig zu. Sie bezeichnet das konservative Sicherheitsdenken, das in Deutschland an der Tagesordnung ist, schlicht als unmenschlich: Nichts wird erwogen, ohne sich vorher fünffach abzusichern. Diese Denkweise überträgt sich stark auf die Kinder. Wenn ein Kind mit dem Fahrrad zum Fußballtraining fahren will, überlegen sich die Eltern so lange, was auf dem Weg dorthin alles passieren könnte, bis sie schließlich aus Sorge um ihren Nachwuchs den Fahrdienst übernehmen. So wird man in Deutschland zum Sklaven der eigenen Ängste. Die Panik der Eltern, wenn ein Kind selbstständig handelt, macht sie zu Polizisten im Leben ihrer Sprösslinge. Am Ende zensieren sie sogar das Denken der Kinder und pflanzen ihnen ihr eigenes Denken ein. Vera erzählt von einer Freundin mit zwei Töchtern im Teenageralter, die öfters bei ihr in Spanien zu Besuch sind. Die jungen Mädchen wirken auf Vera verkrampft, so z.B. wenn sie von Dorfbewohnern auf der Straße gegrüßt werden. Das bringt uns zu dem Punkt, dass in Spanien eine andere Art des sozialen Miteinanders herrscht. Wer im Dorf zwei-, dreimal gesehen wurde, wird auf der Straße angesprochen und begrüßt, als wäre man seit Jahren ansässig. Es mag sein, dass diese Art oberflächlich und nicht wirklich nett ist. Aber sie ist definitiv angenehmer, als sich jahrelang wortlos zu ignorieren. ... ... Die Kinder denken ebenso wenig wie ihre Mutter an eine Rückkehr nach Deutschland, selbst wenn sie definitiv von zuhause ausziehen: Die älteste Tochter wird bald nach dem Abitur für ein Jahr nach England oder in die USA übersiedeln, um ihr Englisch zu perfektionieren. Spanisch und Deutsch spricht sie fließend, Französisch und Italienisch lernt sie gerade. Nach diesem Auslandsaufenthalt, den sie vor allem dazu nutzen will, ein bisschen zu jobben, sowie Land und Leute kennen zu lernen, möchte sie sich in irgendeinem europäischen Land niederlassen und ein Studium beginnen. Da sie nicht so recht weiß, in welche Richtung das Studium gehen soll, ist auch die Entscheidung für einen Studienort noch nicht gefallen, was Vera auch ganz OK findet. Sie ist der Ansicht, dass man mit 17 Jahren noch nicht unbedingt wissen muss, was man in Zukunft machen will. Die Tochter soll sich erst mal orientieren. Der Vater rät ihr zur Betriebswirtschaft, sie selber liebäugelt eher mit Jura. Hier in Spanien können die Schüler in Vorbereitung zum Abitur verschiedene Spezialfächer belegen: Sport und Biologie, Finanz-, Betriebs- oder Rechtswissenschaften. Die Kinder besuchen jetzt seit sieben Jahren spanische Schulen. Vera hatte sich anfangs erkundigt, welche Schulen im näheren Umkreis zur Auswahl standen. Private Schulen kamen aus Kostengründen gar nicht in Frage. In Spanien gibt es staatliche, halbstaatliche und private Schulen. Die Abstufungen geben ziemlich genau die sozialen Stufen wieder, denn je privater eine Schule ist, desto höher fällt das Schulgeld aus, das die Eltern bezahlen müssen. Sie glaubt, dass ihre Wahl einer staatlichen Schule für die Kinder kein Nachteil, sondern eher ein Vorteil gewesen sei: Zum einen wären die Kinder, hätten sie eine Privatschule in einem anderen Ort besucht, im dörflichen Umfeld stärker ausgegrenzt gewesen; zum anderen hätten sie ohne den direkten sozialen Kontakt mit den Mitschülern aus dem selben Ort auch nie so schnell Spanisch gelernt. Eine Privatschule, so Vera, sei grundsätzlich nur dann vorteilhaft, wenn dort besser ausgebildete Lehrer mit höherer Motivation unterrichten würden. Was sie von zwei in Nachbarstädten liegenden Privatschulen gehört hatte, bestärkte sie in diesem Eindruck: Die Lehrer, die an diesen teuren Schulen unterrichtet haben, unterschieden sich durch nichts von solchen, die an staatlichen Schulen unterrichten. Der Lehrplan ist ohnehin der gleiche. Der einzige spürbare Unterschied lag wahrscheinlich im Geldbetrag, den die Eltern monatlich überweisen. Es sind eher die Spanier die ihre Kinder zur Privatschule schicken; zum einen aus Prestigegründen, zum anderen, damit sie ein besseres Englisch lernen. Die Fremdsprachen haben in Spanien traditionell einen schweren Stand: bereits im eigenen Land kämpft man mit fünf Regionalsprachen, was dazu führt, dass das Verständnis für zusätzliche Sprachen nur sehr schwach ausgebildet ist. Das Englische gilt unter den Fremdsprachen als besonders schwierig, da es historisch stärker mit dem Deutschen verwandt ist. Vera hat als diplomierte Übersetzerin für Englisch öfters Gänsehaut bekommen, als sie den unmöglichen Akzent und die schlimmen Grammatikfehler eines spanischen Englischlehrers gehört hat. Jüngere Lehrer sind da schon besser. Es ist bei den staatlichen Schulen also immer auch ein wenig Glück mit im Spiel, wenn einem das gute Englisch der Kinder wichtig ist. Will man ein sicher gehen, dass passables Englisch gelehrt wird, ist man gezwungen, die Kinder in eine Privatschule oder zum Privatunterricht bei einem Muttersprachler zu schicken. Da Vera in einem sehr internationalen Umfeld lebt, haben die Kinder sowieso viel Kontakt mit englischsprachigen Kindern; das gute Englisch ergibt sich somit beinahe von alleine. Im Prinzip sprechen die Kinder die drei Sprachen Spanisch, Deutsch und Englisch fast täglich zu gleichen Teilen. Alles in allem wurden die Kinder unbürokratisch und problemlos in den Schulen aufgenommen: Niemand fragte, in welcher Schule sie vorher waren. Die Mutter musste keine Zeugnisse, Ausweise oder sonstige Papiere vorlegen. Den Schulbehörden genügte es zu wissen, dass sie sich im Dorf niedergelassen haben. Hier zeigt sich wieder der enorme Unterschied zwischen Theorie und Praxis in Spanien. Theoretisch hätte Vera beglaubigte übersetzte Zeugnisse ihrer Kinder vorlegen müssen; so lauten zumindest die gängigen Vorschriften der Schulen. Aber es wurde gar nichts verlangt, weder von ihr, noch von anderen ihr bekannten Eltern. Natürlich musste sie in Deutschland bescheinigen, dass ihre Kinder jetzt spanische Schulen besuchen. Der Schulbesuch lief nicht immer problemlos ab. Gerade die Älteste, die schulisch in allen Bereichen ein Überflieger war, hatte anfangs die meisten Probleme. Sie wurde von manchen Mitschülerinnen angefeindet und ausgegrenzt. Es mag damit zu tun haben, dass sie sich durch ihre helle Haut- und Haarfarbe wirklich sehr von den Spanierinnen unterscheidet. Die überdurchschnittlichen Leistungen in der Schule trugen wahrscheinlich noch dazu bei, dass sie in den Augen der Andern als mustergültige Streberin galt; dabei war sie einfach nur eine motivierte Lernerin. Dazu kommt, dass sie sehr hübsch ist: so eine Kombination erweckt zwangsläufig den Neid der Mitschülerinnen. Die Situation spitzte sich kontinuierlich zu und eskalierte, als die Tochter mehrfach auf dem Schulweg geschlagen wurde. Vera begleitete ihre Tochter in der Folge eine zeitlang auf dem Schulweg, doch dann wurde dem Mädchen in den Pausen zugesetzt. Nichts schien die unerträgliche Situation verbessern zu können: weder die Versuche mit den Eltern der gewalttätigen Mitschülerinnen zu sprechen, noch die machtlosen Interventionen die Lehrer an der Schule. Als sich die Lage weiter zuspitze, zeigte Vera zwei Familien bei der Polizei an, worauf endlich Ruhe um dieses Thema einkehrte. Es ist schwer zu sagen, ob die Eifersucht der Spanierinnen über das im nördlichen Europa übliche Maß hinausging, oder ob solches Verhalten von Mitschülern auch in Deutschland möglich gewesen wäre. Gute schulische Leistungen werden in der noch immer recht dörflichen Umgebung nicht gerade hoch bewertet. So berichteten Veras Kinder, dass in manchen Klassen gleich ein Dutzend Schüler und Schülerinnen entweder gar nicht zum Unterricht erschienen, oder im Klassenzimmer die totale Verweigerung demonstrierten. Die Versuche der Schule, die Eltern zu Gesprächen zu bewegen, verliefen jeweils ergebnislos. Die Hälfte der Eltern erschienen überhaupt nicht, und wenn, dann kamen einige relativ desinteressierte Mütter. Väter waren nie anzutreffen. Das ist nach Veras Ansicht aber nicht nur für Spanien typisch, dass die Männer mit der Erziehung rein gar nichts zu tun haben. Die Mütter reagierten auf das Anliegen der Lehrer mit Unverständnis: „Das ist doch völlig normal!“ „Das haben wir früher auch so gemacht!“ „Das ist doch nicht schlimm ...“ Das niedrige Bildungsniveau der Eltern macht es schwierig zu vermitteln, dass Bildung für die Kinder wichtig sei. Sätze wie: „In unserer Familie hat keiner die Schule zu Ende gebracht, aber allen geht es gut.“, sind Standard. In den staatlichen Schulen vereinen sich nun einmal eher die unteren Einkommens- und Bildungsschichten; ein Grund für den schwächeren Lernwillen. Mit ihren beiden jüngeren Kindern, den Zwillingen, läuft es in der Schule ganz anderes. Für sie musste Vera einen Nachhilfelehrer organisieren. Das große Interesse, das die Älteste für die Schule zeigt, scheint bei den andern überhaupt nicht vorhanden zu sein. Dementsprechend sind die beiden auch stärker integriert, was aber auch nicht uneingeschränkt behauptet werden kann, denn ihre Kinder finden ihre Freunde hauptsächlich unter anderen ausländischen Kindern wie Engländern, Franzosen, Deutschen, Amerikanern oder Holländern. Auch hier vermutet Vera, dass Eifersucht der Spanierinnen auf die hübschen blonden Mädchen dabei eine Rolle spielt. Ich frage sie, welchen Eindruck sie von der Qualität der schulischen Ausbildung in Spanien habe. Als Antwort erzählt sie die Geschichte von zwei deutschen Kindern, die als Zehnjährige nach Spanien kamen und in die gleiche Schule gegangen sind, wie derzeit die Kinder von Vera: Die beiden haben an dieser Schule mit einem guten Abitur abgeschlossen, studieren jetzt beide in Hamburg Biologie, beziehungsweise Informatik und es fällt ihnen spielend leicht. Die beiden hatten sich vor dem Test zu Studienbeginn gefürchtet, weil sie glaubten das Bildungsniveau in Deutschland sei enorm hoch. Hinterher beurteilten sie den Test aber als lächerlich einfach. In den ersten Semestern stellten die beiden erstaunt fest, dass vieles, was ihren Kommilitonen fremd war, bei ihnen in Spanien Teil des Abiturwissens bildete. Schlechte Schulausbildung in Spanien? - Das war einmal! inzwischen hat sich viel geändert. Die Lehrpläne wurden dem europäischen Standard angepasst. So sahen Veras Kinder, bei einem Besuch in Deutschland an einer Schule erstaunt Bücher, die denjenigen 'ihres’ Institutos (Gesamtschule) in Spanien aufs Haar glichen. Exakt der gleiche Lernstoff! Allerdings stellten sie fest, dass ihr spanisches Buch viel besser illustriert war. Dass in Spanien viel anhand von Projektarbeiten gelehrt wird, kann man ebenfalls positiv werten. Ein spanischer Absolvent einer Gesamtschule braucht sich seines bacchilleratos also nicht zu schämen. Es ist gleichwertig mit einem deutschen, französischen oder englischen Abitur. Wenn spanische Schulkinder laut Pisastudie ein etwas niedrigeres Bildungsniveau aufweisen als der europäische Durchschnitt, liegt dies weniger an der Qualität des angebotenen Unterrichts, sondern viel mehr an der mangelnden Motivation der Kinder. Die junge Mutter fügt hinzu ... |


